Ich weiss, ich bin in guter Gesellschaft. „Ich weiss nicht, was ich will“ ist eine Luxuskrankheit unserer Alles-ist-möglich-Zeit. Jahrelang, nein, jahrzehntelang habe ich da auch tüchtig mitgemischt. Mit etwas Abstand erkenne ich, was das eigentliche Problem dahinter ist. Bei mir jedenfalls. Obs für alle Ich-weiss-nicht-was-ich-will-Menschen gilt, kann ich nicht sagen. Aber es wäre vielleicht mal eine Überlegung wert – oder?

3 Ausreden, die dich davon abhalten, vom Schreiben zu leben

Mit etwa 9 Jahren wusste ich, dass ich Autorin sein möchte. Mit 45 wagte ich den Schritt.
Dazwischen liegen 34 Jahre Ausreden.
Wie kann es bloss sein, dass eine Frau von durchschnittlicher Intelligenz und überdurchschnittlichen Chancen (z. B. in der Schweiz geboren, in einer intakten Familie aufgewachsen, gut ausgebildet, körperlich gesund) so viele Jahre verstreichen lässt, bevor sie dem nachgeht, was sie wirklich tun und sein will?
Das Phänomen beobachte ich nicht nur an mir, sondern auch an anderen Frauen – und übrigens auch an Männern. Und behaupte frech: 99% der Gründe, warum wir nicht das Leben leben, das wir uns eigentlich wünschen, sind Ausreden bzw. verirrte Glaubenssätze. Meine 3 Lieblings-Ausreden, die ich über die Jahre unbewusst benutzt habe, um nicht den mutigen Schritt machen zu müssen:

  1. Ich weiss nicht, was ich will
  2. Geld: vom Schreiben kann man doch nicht leben
  3. Ich habe keine Ideen

Dieser Artikel widmet sich dem weit verbreiteten Irrglaube: Ich weiss nicht, was ich will.

Die lange Suche nach „dem, was ich will“ – vergeudete Lebenszeit?

Erst mal möchte ich der Frage Aufmerksamkeit schenken, ob all die Jahre, in denen ich NICHT das tat, was ich wirklich möchte, vergeudete Lebenszeit sind. So fühlt es sich nämlich oberflächlich an.

Da ploppen dann so Sätze hoch wie: „Hätte ich schon mit 25 angefangen, als Reisejournalistin zu arbeiten, wäre ich heute etabliert und würde gut verdienen.“

Kann sein. Kann aber auch sein, dass ich in jungen Jahren zu schnell den Mut verloren hätte in diesem harten Business – und es nie wieder versucht hätte.

Je länger ich mich damit auseinandersetze, desto eher glaube ich: all die Jahre waren Vorbereitung auf das, was ich jetzt tue. Hätte ich früher damit begonnen, hätte ich vermutlich einfach andere Extraschlaufen gedreht oder in anderen Bereichen ein Defizit gehabt, die ich in den letzten Jahren gut gepflegt habe.

Oder anders gesagt: im Grunde ist es egal, welchen Weg wir Menschen wählen. Das Leben präsentiert immer wieder Möglichkeiten, neu zu wählen. Habe ich irgendwo einen Abzweiger in die falsche Richtung genommen, kann ich wieder neu wählen.

Wenn ich wirklich will.

Und wer gibt denn vor, welche Richtung richtig ist?

Früher oder später hören wir die innere Stimme, die Intuition, die klar zeigt, wohin der Weg führt. Das ist meiner Erfahrung nach meistens nicht der einfachere. Aber der lebendigere.

Kurz: nichts ist vergeudete Lebenszeit. Ich habe offenbar einfach ein bisschen länger gebraucht, um der Intuition zu vertrauen und ihr zu folgen. Also, nichts vergeudet, nichts zu bereuen.

Freude-Killer: Routine

Also, zurück zum eigentlichen Thema: Ich weiss nicht, was ich will.

Im Rückblick echt verrückt, dass ich mir das über so viele Jahre hinweg geglaubt habe.

Ich arbeitete als Bibliothekarin und war fast immer gelangweilt, gestresst oder sonstwie unglücklich.

Der Witz ist ja, dass der Beruf gar nicht falsch war, bloss die Arbeitsbedingungen:

Ich eigne mich ganz schlecht für die immer gleiche Szenerie. Routine ist etwas, was mich komplett verblühen lässt. Und das bezieht sich nicht auf repetitive Arbeit – damit kann ich halbwegs umgehen, sondern auf:

  • Den stets gleichen Tagesablauf, Wochenablauf, Monatsablauf, Jahresablauf.
  • Pause immer zur gleichen Zeit am immer gleichen Ort mit den immer gleichen Menschen.
  • Immer zur gleichen Zeit aufstehen, den immer gleichen Zug mit den immer gleichen Pendlern nehmen, um ins immer gleiche Büro zu stiefeln.
  • Und dann vier bis bestenfalls fünf Wochen Ferien pro Jahr, in denen ich das Leben leben darf, das ich möchte.

Ich habs erstaunlich lange nicht begriffen, dass ich mir und meinen Arbeitgebern ganz viele Stellenwechsel hätte ersparen können, hätte ich diese scheinbare Kleinigkeit verstanden: ich brauche die maximale Freiheit, was Arbeitsort und -zeit betrifft.

Unbewusst habe ich mir diese Freiheit und Abwechslung erobert, indem ich dauernd wieder die Stelle wechselte und mir zwischen den Jobs ein paar Wochen Auszeit für eine Reise ausbedingte.

Bloss vergingen an der neuen Stelle keine drei Monate, und schon begann die Routine wieder an meiner Arbeits- und Lebensfreude zu kauen.

Ich weiss nicht, was ich will

Während all diesen Jahren suchte ich nach dem richtigen Job, nach dem richtigen Beruf für mich, nach meiner Berufung.

Und war überzeugt: Ich weiss nicht, was ich will.

Irgendwann fällt es mir vor die Füsse, das eine Richtige, und ich werde es erkennen, und dann wird alles gut.

Ich suchte und suchte und suchte, probierte aus, schnupperte, machte Kurse, sprach mit Menschen aus anderen Berufen, absolvierte Aufnahmeprüfungen, die ich zwar bestand, dann aber doch merkte, dass auch dieser Weg nicht der richtige ist.

Und eines Tages war ich einfach nur noch erschöpft von der endlosen Sucherei. Der Körper sprach Klartext: Depression. Du bleibst jetzt ganz still sitzen und hörst genau hin, was die innere Stimme dir sagt.

Die innere Stimme sagte jedoch nur, was sie schon immer gesagt hatte: weg, fort, bewegen, reisen, Sonne, Meer.

Davon lebt man halt nicht. Ich wusste einfach nicht, was ich mit dieser Botschaft anfangen sollte.

Aber ich begriff langsam, dass der Satz für mich nicht zutraf: Ich weiss nicht, was ich will.
Ich wusste seit ich 9 Jahre alt war, dass ich Autorin sein will. Und ich wusste seit jungen Jahren, dass ich weg will, fort, mich bewegen, an der Sonne sein, am Meer.
So simpel.

Und jetzt?

Was ich in Wahrheit nicht wusste: Wie ich kriege, was ich will

Allmählich verstand ich:

„Meine Berufung“ oder „das Richtige“ ist nicht etwas, was mir eines Tages als Gesamtpaket vor die Füsse fällt, und alles ist klar. Nein, ich finde es nur, wenn ich auf meine innere Stimme höre, meiner Intuition folge. Und zwar jeden Tag. In Minischritten. Ohne grosse Pläne. Jeden Tag schaue ich, wohin mich die Intuition führt – immer der Freude nach.

Als ich das begriff, wurde mein Leben nicht einfacher. Aber immerhin begann ich der inneren Stimme zu vertrauen und zu folgen.

Gut. Ich will Bewegung, unterwegs sein, Sonne und Meer. Wer lebt von sowas?

Reiseleiterinnen. Die sind aber gewaltig gefordert mit allen Anforderungen der Gäste, die sie herumführen. Viel Zeit, um selber die Sonne zu geniessen, haben die wohl kaum.

Reisejournalistinnen. Ja. Tja. Das wärs eigentlich. Ich wollte doch sowieso mal Autorin werden…?
Wie soll ich denn dahin kommen? Fast 40 Jahre alt. Mit nichts als einem abgebrochenen Germanistik-Studium, einem Diplom als Informationsspezialistin (Bibliothekarin FH) und zwei faden Jahrzehnten an Bibliothekserfahrung in der Tasche.
Wie ums Himmels Willen soll ich denn plötzlich Reisejournalistin werden? In einer Zeit, in der das Internet sauber die Print-Reisemagazine demontiert?

Und genau dieses Internet rettete mich. Eine Art Modestrom: das Bloggen kam auch im deutschen Sprachraum an. Und ich nahm den Begriff “Digitale Nomaden” zum ersten Mal wahr.

DAS war ich, DAS war es, was ich brauchte!
Reisebloggerin. Digitale Nomadin. DAS wollte ich sein!

Machst du dir eine Vorstellung vom Moment, als ich das erste Mal sagen konnte: Ich weiss, was ich will!

Von diesem Moment an gehörte meine gesamte Freizeit dem Reinsaugen jeglicher Informationen übers Bloggen. Und dem Aufbau meines eigenen Blogs Miss Move.

Die Superpower des „Ich weiss, was ich will“

Schon verblüffend, wie stark der Geist auf das menschliche Gesamtsystem wirkt.

Mit dem Wissen darum, was ich wirklich will, machte sich die Depression davon. Ich hatte plötzlich eine Energie, die ich zuvor nur beim Joggen, Radfahren oder Wandern gespürt hatte.

Und ich hatte Freude an allem, was ich beim Aufbau des Blogs tat:

  • Webseite erstellen
  • Newsletter einrichten
  • Blog-Artikel schreiben
  • Social Media lernen
  • Fotografieren
  • und, und, und…

Dabei hatte ich ja sehr wenig Ahnung von allem. Es gab so viel zu lernen! Das tat ich, wenn ich nicht am Blog arbeiten konnte:

Beim Kochen liefen Youtube-Filme übers Bloggen, im Zug las ich Blog-Artikel, auf dem Weg zur Arbeit hörte ich Podcasts über Online-Marketing.

Es war, als ob ich endlich nach Hause käme.

Der lange, steinige Weg

Wie bei allem (allem, allem), was man lernen will, um davon leben zu können, ist auch mein Weg weit und steinig.

Ein Ziel erreiche ich mit Fleiss, Disziplin, viel Zeit, Freude und Ausdauer.

Ja, die Ausdauer schwächelt ab und zu. Es gab Momente, da wollte ich einen anderen Abzweiger nehmen (neues Blog-Thema, den Blog einstampfen, mich wieder anstellen lassen), weil der Erfolg auf sich warten liess. Zu wenige Leser, zu wenige Kundenaufträge und besonders: zu wenig Einkommen zum Leben.

Die Angst macht die Ausdauer platt. Die Angst, kein Geld mehr zu haben und wieder abhängig zu sein. Von Menschen, von einem Job. Wie vorher. Zurück ins alte Leben. Die Vorstellung gruselte mich.

Zum Glück gab es immer wieder Menschen an meiner Seite, die mich ermutigten, weiterzumachen, dranzubleiben, nicht davonzurennen.

Davonrennen war bisher mein Muster: beim ersten Widerstand davonrennen. Das habe ich beim Wohnen, in Beziehungen, auf Reisen und eben auch bei der Arbeit permanent getan.

Und dieses Mal durchbreche ich das Muster.
Ich mache weiter, auch wenns aussichtslos aussieht.
Ich bleibe dran, auch wenns harzig läuft.
Ich halte durch, auch wenn mir der Wind entgegenschlägt.
Ich bleibe im Feuer stehen, wie mein Lehrer Veit Lindau zu sagen pflegt.

Immerhin weiss ich jetzt, was ich will.

Eine Ausrede weniger auf dem Weg ins Leben, das ich wirklich will!

Und wie siehts bei dir aus? Weisst du, was du willst?