Mit 45 Jahren kündigte ich meine letzte Festanstellung, um frei und ortsunabhängig zu leben und zu arbeiten. Ohne viel Erspartes, ohne Ahnung, wie das denn wirklich gehen soll. Ich wusste nur: ich will vom Schreiben leben. Was das genau bedeutet und wie man dahin kommt, war mir schleierhaft. Und selbständig sein wollte ich auch nicht wirklich. Aber der Leidensdruck in der bisherigen Jobsituation war so gross, dass ich einfach sprang. Wie ich die ersten drei Jahre der Selbständigkeit überlebte und wo ich jetzt, Ende 2019, stehe – darum geht es in diesem Artikel.

Antrieb: nur weg hier!

Ich hatte ja keine Ahnung, als ich Ende 2016 meinen letzten Bibliotheksjob verliess und den Sprung in die Selbständigkeit wagte. Keine Ahnung davon, was diese Selbständigkeit bedeutete. Und bloss eine blasse Ahnung davon, wie ich vom Schreiben leben sollte.
Ich wollte nur eins: frei sein.

Die Selbständigkeit wählte ich nicht. Sie war bloss eine Folge meines Befreiungsschlags aus dem tristen Büroleben.

Unter “frei sein” verstand ich:

  • Ortsunabhängig arbeiten: wann und wo ich will.
  • Eine Arbeit machen, die nützlich für andere ist.
  • Genug Geld verdienen, um ein Leben zu leben, das mir entspricht: in Bewegung, im Freien, an der Sonne, am Meer. Mal hier, mal dort.

Bloss nicht mehr als Angestellte in einem Büro sitzen. Bloss keine Routine mehr und niemand mehr, der mir sagt, wann ich wo (eingesperrt) zu sitzen habe. Und überhaupt: bloss nicht mehr so oft in geschlossenen Räumen sitzen. Ich konnte nicht mehr. Ich wäre endgültig verblüht, krank geworden, eingegangen, hätte ich weitergemacht wie zuvor.

Mein Antrieb war: nur weg hier!

Aber lieber nicht als Selbständige, weil ich mich darin überhaupt nicht sah. Viel zu unreif, zu wenig entscheidungsfreudig, keine Ahnung von Versicherungen, Steuern, Rechnungen schreiben und was sonst noch alles die Selbständigkeit so mit sich bringt.

Mein Sprung aus der Enge des Angestelltendaseins führte ins… nichts.

Manche nennen meine Entscheidung mutig. Für mich wars eine Art Notwehr. Flucht aus dem Hamsterrad. Ohne echte Entscheidung für die Selbständigkeit.

Start als Reisejournalistin (2017)

Ich hatte Ende 2016 an zwei Reisejournalismus-Kursen teilgenommen und wusste, dass ich sehr viele originelle Ideen entwickeln müsste, um als Reisejournalistin gut leben zu können. Aber die hatte ich nicht. Ich war nie eine Ideen-Maschine – und beneide jeden, der dieses Talent (scheinbar angeboren) hat.

Also war ich anfangs 2017 einigermassen ratlos, wie ich denn nun mein Leben finanzieren sollte. Ich ging davon aus, dass das Geld dann schon kommen würde, wenn ich immer der Freude folgen würde.

Der Haken war der:
Meiner Freude folgen hätte bedeutet, das Fahrrad zu nehmen, und einfach planlos durch Italien zu fahren. Immer der Sonne und dem Meer nach.

Dafür fehlte mir der Mut.

Ich glaubte, nicht genug Geld dafür zu haben.

Ich glaubte, dass ich zuerst für eine zuverlässige Einkommensquelle sorgen musste, bevor ich losziehen durfte.

Mir fehlte das Vertrauen ins Leben. Dieses stille Gefühl, dass alles gut kommt.

Im Gegenteil: mein Kopf rotierte dauernd um das Thema, wie ich Geld verdienen könnte. Das hatte mit Freude wenig zu tun.

So verbrachte ich 2017 mehrheitlich in meiner damaligen Wohnung. Ich arbeitete sehr viel an meinem Blog und für den einzigen Kunden, den ich damals hatte. Ich wusste, dass ich jetzt Artikelideen entwickeln sollte, aber in dieser engen Umgebung passierte natürlich wenig Kreatives. Dafür las ich sehr viel darüber, wie man vom Schreiben leben kann, lernte viel, machte Online-Kurse, las Bücher und Blogs, schaute Youtubern zu, wie sie scheinbar locker ihr Online-Business aufgebaut hatten.

Ich wusste theoretisch, wie ich vom Schreiben leben könnte, war aber nicht in der Lage, es umzusetzen.

Immer den Impulsen und der Freude nach: unterwegs in Italien (2018)

Mir dämmerte langsam, dass es so nicht ging. Darum machte ich es 2018 anders: Ich stieg tatsächlich aufs Fahrrad und fuhr einigermassen planlos durch Italien. Mit wenig Geld als Reserve. Aber immerhin mit einem Artikel-Auftrag einer Fahrrad-Zeitschrift in der Tasche. Das verlieh mir den Mut, meiner Freude zu folgen.

Ich blieb für eineinhalb Jahre in Italien, überwinterte in einer Miniwohnung in Mailand und arbeitete viel.

Langsam begriff ich:

  • Kunden finden ist auch eine Zahlenfrage: je mehr Akquise-Aktivitäten ich unternehme, desto eher bekomme ich Aufträge.
  • Ideen für Artikel finden ist nicht (nur) ein Talent, sondern ebenfalls konsequente Arbeit: wo immer du bist, halte alle Sinne auf Empfang. Und: recherchiere Orte, die du besuchst und verfolge die Themen, die dich interessieren.
  • Als Anfängerin nimmst du auch Kunden an, die nicht unbedingt deine Traumarbeit bieten. Vielleicht ausserhalb deines Interessengebiets. Vielleicht zu einem niedrigeren Preis als du es dir wünschst. Dafür gewinnst du Erfahrungen und mehr Sicherheit, die dir für die nächste Akquise, für die nächste Kundenarbeit enorm viel bringen.
  • Es lohnt sich, dem Leben zu vertrauen und immer den Impulsen zu folgen. Dadurch habe ich Erfahrungen gemacht, die ich mir nicht hätte ausdenken können.

Im 2018 habe ich mich schliesslich richtig zu meiner Selbständigkeit bekannt. Mit offizieller Anmeldung beim Amt, mit Bezahlung der Altersvorsorge-Beiträge (für Schweizer: AHV), mit Steuererklärung als Selbständige. Alles halb so wild wie befürchtet.

Voll eingelassen: der Grundstein für ein erfolgreiches Schreib-Business (2019)

Im ersten Halbjahr 2019, während meiner Zeit in Mailand, legte ich den Grundstein zu einem professionellen Schreib-Business. Erst jetzt war ich bereit, mich richtig auf die Selbständigkeit einzulassen, auf die Verantwortung, auf die vielen Entscheidungen, auf die finanzielle Unsicherheit und das emotionale Auf und Ab, das letztere mit sich bringt. Die Freiheit, die mir 2018 gebracht hatte, das ortsunabhängige Leben ohne festen Wohnsitz, entspricht mir so vollkommen, dass es jede Mühe wert ist.

Mir wurde 2019 klar, dass es im Grunde nur zwei Regeln gibt, die es zu befolgen gilt, wenn ich vom Schreiben leben will:

  • Mein Job ist es zu schreiben. Also schreib täglich!
  • Wenn ich keinen Schreib-Auftrag habe, ist es mein Job, neue Kunden zu finden oder Artikelideen zu entwickeln und Redaktionen anzubieten

Seither läuft die Karre. Jedenfalls ist Mitte 2019 Bewegung in die Geschichte gekommen.

Im Mai 2019 ergatterte ich einen grossen Auftrag und hatte parallel dazu mehrere Kunden mit kleineren Aufträgen. Ich begann, eine Akquise-Routine aufzubauen.

Im November 2019 durfte ich an der 2. Digitale Nomaden Konferenz Schweiz in Bern einen Workshop mit meiner grossartigen Texter-Kollegin Nicole Montemari halten. Das Thema: Online-Texten und Geld verdienen für Anfänger. Der Workshop hat uns beide beflügelt und motiviert, unbeirrt weiter unseren Texter-Weg zu gehen.

Das Geldthema hat mich über die Jahre natürlich begleitet und ab und zu massiv gestresst.
Obwohl ich 2019 mehr verdiente als im Jahr zuvor, reichte es noch nicht für das Leben, das ich mir wünschte.

So arbeitete ich im Dezember als Weihnachtsaushilfe in einem Supermarkt. Das war eine ganz grandiose Erfahrung und stärkte meine Vision des freien, ortsunabhängigen Arbeitens und Lebens.

Fazit Ende 2019: vom Schreiben leben ist (auch für mich) möglich

Seit dem Workshop an der Digitale Nomaden Konferenz Schweiz weiss ich, dass mein Weg dahin führt: als Content Marketing Texterin und Reisejournalistin leben und anderen Menschen zeigen, dass und wie man vom Schreiben ortsunabhängig und frei leben kann. Aus diesem Wissen heraus ist auch dieser Blog, diese Webseite entstanden. Hier entsteht ein Portal für alle, die wie ich damals glauben, dass man vom Schreiben nicht leben kann.

Die Klarheit meines Warum und Wohin beflügelt mich. Vorbei sind die Jahre, in denen ich wie festbetoniert in einer unglücklichen Jobsituation verharrte, weil ich glaubte nicht zu wissen, was ich will. Ich wusste es immer, aber ich traute es mir nicht zu, glaubte nicht daran, dass ich es umsetzen könnte.

*******

Foto: Nick Morrison on Unsplash